Verfasst von: willanders | 29. März 2009

Aufstand in meiner Küche

aufstand_der_dingeWalter Krickeberg (1928): Vom Aufstand der Dinge

In Erich Kästners „Der Aufstand der Dinge“ werden die nützlichen, vertrauten Dinge des Alltags plötzlich lebendig. Sie kündigen den unausgesprochenen Vertrag mit den Menschen, treten in einen Streik und entziehen sich so den Menschen.

Genau das tun meine Haushaltsgeräte zurzeit. Sie werden aber nicht lebendig sondern im Gegenteil. Zum Beispiel mein Wasserkocher. Kurz nach meinem Umzug auf die Philippinen hab ich einen Wasserkocher Made in the Philippines gekauft. Dieser hat nach gut einer Woche den Geist ausgehaucht. Ganz schön clever von ihm: Die Garantie gilt hier für eine Woche. Eine schnelle Not-OP brachte nicht den gewünschten Erfolg. Und gestern folgte der Induktionsherd, der mir schon in China treue Dienste geleistet hatte. Eine Autopsie brachte keine Erkenntnisse.

Für einen Augenblick empfand ich Wehmut bei der Erinnerung an meinen 9,90-Euro-Wasserkocher von Lidl, der jahrelang bis zu meiner Ausreise zuverlässig bei der lebensnotwendigen Zufuhr von Koffein in meinen Körper mitgeholfen hat. Oder an meine 14,99-Euro-Alarmuhr von Karstadt, die mich viele viele Morgen lang liebevoll begrüsste und in den Alltag entlies.  Und an all die kleinen Automaten, die meinen Alltag so unauffällig begleiteten. Alles funktionierte. Ja, wäre es dann nicht sinnvoll, sich solche Dinge aus der Heimat kommen lassen…? Gar ein Business daraus entwickeln? Eine kurze Umfrage unter den Ausländern hier brachte mich von dieser Idee allerdings schnell ab. Viele von ihnen stopften Container voll mit ihren Geräten und schickten diese auf die Reise von Deutschland auf die Philippinen los. Aber alle mussten feststellen, dass ihre sündhaft teuren, vollcomputerisierten Miele-Waschmaschinen, Krups-Espressomaschinen und Braun-Rasierer nach kürzester Zeit den Geist aufgaben.

Und so fand auch meine von Anfang an gestellte Frage – Warum gibt es hier absolut keine Haushaltsgeräte und andere automatische Dinge Made in Germany zu kaufen? – schnell eine Antwort. Auch Opel und seine deutschen Kollegen mit ihren mit Elektronik vollbepackten Limousinen wären noch nicht mal von unserer Superkanzlerin mit ihren Superministern an der Seite zu retten. Einzig und alleine der Exportzweig nach Südostasien hätte sie in den Untergang gerissen. Vorausgesetzt die Leute hier würden sich die teuren Waren Made in Germany überhaupt leisten können.

Einzig und alleine japanische und koreanische Anbieter überleben hier unter diesen extremen Bedingungen – von Digitalkameras über Computer, Autos bis hin zu Baumaschinen. Die Asiaten haben es nämlich verstanden, Dinge zu produzieren, die überall auf der Welt, unter allen klimatischen, topografischen und pedologischen Bedingungen funktionieren und zugleich auch im hintersten Winkel der Welt noch erschwinglich sind.  Wenn ich im Fernsehen Nachrichten aus der Welt sehe  – Noteinsatz in Trümmerhaufen irgendeines Erdbebengebiets, Viehtransport in der argentinischen Pampa oder Expeditionen in die indonesischen Mangrovenwälder – und wenn ich hier in der philippinischen Provinz unterwegs bin, welche Fahrzeuge sehe ich? Mazda, Isuzu, Mitsubishi, Suzuki,  Kia und vor allem Toyota! VW Tuareg gewinnt vielleicht die Rallye Paris-Dakar, aber ein deutsches Nutzfahrzeug im Alltagseinsatz hab ich hier in Asien noch nirgends  gesehen.

Gut, das soll nicht mein Problem sein. Aber die Rettung meines Kühlschranks und Reiskochers schon. Nach Kästner hat der Mensch durch die Ausforschung und Überlistung der Welt mittels moderner Wissenschaft die Dinge unterworfen und mißbraucht. Die Rechnung dieser Machtakkumulation gehe aber nicht auf, denn die Dinge weigern und entziehen sich! Oh Mann, seitdem ich das weiß, sehe ich meinen hier gekauften Kühlschrank – koreanische Marke made in Thailand – und meinen chinesischen Reiskocher mit anderen Augen.

Alle grossen Denker lehren uns, dass alles aber auch alles was uns zustösst, Fingerzeige und Hinweise am Rand unseres Lebensweges sind. Also wird der Reiskocher demnächst ebenfalls Selbstmord begehen als Fanal und Antwort auf die Reisorgien meiner Filipinas? Wird mein Kühlschrank seine Dienste verweigern und mich für die teure Erdnussbutter bestrafen, die ich dort lagere? Und mein Notebook, bei all dem Zeugs aus dem Internet…! Meine einzige Hoffnung besteht noch darin, dass all die Geräte sich nicht verständigen können: Der eine spricht thailändisch bzw. koreanisch, der andere nur chinesisch, mein Notebook japanisch-amerikanisch… Allerdings habe ich etliche andere Sprachpakete drauf installiert…

Ein Freund, Elektriker von Beruf, der die letzten Tage zu Besuch war, lieferte prompt eine Erklärung für die Pandemie in meiner Küche: Das heissfeuchte Klima, die häufig-heftigen Spannungsschwankungen im Stromnetz sowie die extremen Spannungsspitzen nach den häufigen Stromausfällen killen die Geräte nach und nach. Also nix mit Generalstreik unter Führung chinesischer Reiskocher.  Nix mit einer Gewerkschaft der thailändischen Kühlschränke. Nix mit Klassenkampf der Nutzfahrzeuge. Stattdessen Spannungsspitzen, Rost und Feuchtigkeit in der Elektronik. Wie profan!

Advertisements

Responses

  1. Für deinen Laptop würde ich dir dringend einen Spannungsregulator empfehlen um zumindest die Spannungsspitzen abzuwehren.
    Ansonsten: Wenn länger nicht in Gebrauch möglichst luftdicht einpacken. Öfters mal säubern und einen Ventilator in der Nähe stehen haben damit er nicht überhitzt.
    Das wars von mir 🙂
    Schreib mal öfters was 😉

    Dirk von http://www.leyte4ever.com 🙂

  2. ja das mit dem spannungsregulator hat mir auch mein elektrikerfreund empfohlen. das mach ich dann in der neuen wohnung in Guiuan. was die kühlung angeht, da hab ich drunter ein cooling pad (aus China mitgebracht, ist gold wert) und es läuft hier ein ventilator (auch aus China und auch gold wert – hehe…)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: