Verfasst von: willanders | 3. Juni 2009

Das Gefangenen-Ballett von Cebu

Vor drei Jahren noch passte auch für das Cebu Provincial Detention and Rehabilitation Center der Spruch der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo (von der übrigens die meisten Filipinos sagen, sie gehört als erste in den Knast): „Lebenslänglich in einem philippinischen Gefängnis ist schlimmer als die Todesstrafe“, wie die Faust aufs Auge. Niemand konnte ruhig an den Zellen entlang gehen. Die Häftlinge galten als unberechenbar, Drogenkonsum war so selbstverständlich wie der Toillettengang, Banden beherrschten den Alltag und terrorisierten nicht nur die Mitgefangen sondern auch das Personal. Nicht wenige der Kämpfe endeten tödlich. Kein Wunder, wenn mehr als 300 der Insassen wegen Mordes einsitzen, und der Rest aus Schwerverbrechern jeder Art besteht. Wie alle Gefängnisse hier zulande war auch das CPDRC die Hölle auf Erden. Weil eine unmittelbar bevorstehende und nicht beherrschbare Gewaltexplosion befürchtet wurde, holte man den Sicherheitsberater der Provinz Cebu Byron Garcia zu Hilfe. Dieser wurde gleich zum Direktor ernannt.

Eines Morgens schaute er den Häftlingen bei ihrer Morgengymnastik im Gefängnishof zu. „Da muss mehr Pepp rein!“ – dachte er, als er die lustlosen Verrenkungen der meisten sah. Er entwickelte ein Fitnessprogramm, an dem jeder Knasti eine Stunde am Tag teilnehmen sollte. „Eines Tages sah ich die orangefarbenen Wellen der Gefangenen und dachte: Das ist irgendwie gut.“ – fügt er hinzu.

Das fanden die meisten Knastbrüder auch. Während sie früher den ganzen Tag nur herumlungerten, treffen sie jetzt mindestens fünfmal die Woche ihre Tanzlehrerin Gwen Lador. Sie kommandiert das Gefangenen-Ballett und braucht dafür weder Waffen noch Wärter – und es funktioniert. Einer der Gründe warum es funktioniert ist das den meisten Filipinos und Filipinas angeborene Showtalent. Hier auf den Philippinen singt und tanzt jeder gerne, oft tief in die Nacht und zwar an jedem beliebigen Ort zu jeder Uhrzeit, gerne auch an Wochentagen und das direkt auf der Strasse vor meinem Haus.

Was als Fitnessprogramm gedacht war, hat längst Showqualitäten. Der musikliebhaber Garcia wählt die Musik aus, die Choreographien überlegt sich Gwen Lador, die den Job nur nach langem Zögern angenommen hat. „Am ersten Tag hatte ich große Angst. Ich habe den Wärtern gesagt: Weicht mir bloß nicht von der Seite! Am dritten Tag hatte ich aber schon vergessen, dass ich vor Gefangenen stehe. Sie kommen mir jetzt vor wie Freunde und entwickeln sogar eigene Ideen.“ Die Gefangenen sind wie verwandelt: Die Stimmung ist gut, es gibt keine Schlägereien mehr, die Insassen arbeiten zusammen statt sich zu bekämpfen. Der letzte Kampf liegt mehr als ein Jahr zurück.

Garcia war von dem Ergebnis so begeistert, dass er den Massentanz aufnahm und ins Internet stellte. Der „Thriller“ von Michael Jackson wurde in den zwei Jahren mehr als 23 Millionen Mal angeklickt.

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