Verfasst von: willanders | 4. April 2010

Mein Klavikel ist nicht mehr s-förmig

…sondern ähnelt zwei – zugleich horizontal wie vertikal gespiegelten – Buchstaben C, man kann es auch einfacher ausdrücken: Mein linkes Schlüsselbein ist durch, gebrochen letzten Samstag beim Sturz vom Motorrad am Ende einer etwas ausgiebigen off road Erkundung der wilden Gegend um Guiuan. Risa war nicht da, ich dachte die Gelegenheit ist günstig für eine etwas gewagtere Tour durch den hügeligen Dschungel, wovon Risa mich immer abhält. Ausserdem wollte ich den nächsten Abschnitt der von mir geplanten Marathonstrecke quer über die Calicoan Island laufend testen.

Naja, am Ende meiner Lauf- und Biketour ist es halt passiert als ich mit den mit Lehm beschmierten Reifen wieder auf die Landstrasse zurückkam. Beim sehr langsamen Wenden in einer leicht geneigten Kurve glitt mir die Maschine aus den Händen, ich flog hinterher und beim Aufprall hörte ich ein lautes Knacken – nach meinem dreifachen Rippenbruch im November ein vertrautes Geräusch für einen Asphaltcowboy wie mich – und kannte die Diagnose  schneller als Dr. Brinkmann und sein Sohn in der Schwarzwaldklinik es vermocht hätten.

Im Nu versammelte sich das gesamte Dorf um mich, auch der Barangay Captain von Baras kam auf seiner Honda TRX 155 vorbei, jemand rief ein Trycicle, das mich dann die sechs Kilometer zu Freunden nach Guiuan und uns dann gemeinsam ins Krankenhaus brachte. Weil Risa in Tacloban war, habe ich mich entschlossen, über Nacht im Hospital zu bleiben. Die hübsch lächelnden Schwestern haben mir auf Anweisung der jungen und sehr freundlichen Ärztin ein Schmerzmittel verabreicht, einen fixierbaren Schulterverband und eine Armschlinge aus der nahen Apotheke holen lassen, zwei Mahlzeiten auf den Nachtisch gestellt – und als Risa mich dann am Sonntag mittag besuchte, kriegte sie eine Rechnung über 100 Euro in die Hand gedrückt. Die denken sich, wenn sie schon mal einen wehrlosen Ausländer am Haken haben, dann können sie ihn richtig melken und damit das Krankenhaus gesundsanieren.

Wie dem auch sei. Am nächsten Morgen quälte ich mich zur Röntgenpraxis – die Ausrüstung hat der Inhaber noch von der abziehenden US-Armee günstig geschossen – und bin mit den beiden Aufnahmen zur Privatpraxis des Hospitaldoktors von gestern. Zum Glück lebe ich in einer Kleinstadt und alle Einrichtungen liegen dicht beieinander. Der Nachteil: Es gibt nicht allzu viele davon. Glatter Durchbruch des linken Klavikels. Ich müsste operiert werden. Das geht aber nicht in Guiuan. Dazu müsste ich nach Tacloban, drei Stunden im engsten Kleinbus, gelenkt von offensichtlich eifrigen Schülern der japanischen Kamikaze-Piloten, umgeschult auf Kleinbusfahrer, die mangels feindlicher Schiffe und eigener Flugzeuge ihre Angriffsflüge mit vollgefüllten Kleinbussen voller argloser Passagiere auf den holprigsten Strassen östlich und westlich von Las Piedras simulieren.

Wenn schon die gewöhnlichen Fahrgäste am Ende der Tour die Fahrgastzelle mit einer dezenten Leichenblässe verlassen, wie sollte ich mit einem sehr schmerzlichen Knochenbruch da jemals lebend ankommen! Der Lohn meiner Angst wäre also warten bis der Bruch einigermassen zusammengewachsen ist, hinfahren, unter Vollnarkose den Knochen wieder aufbrechen  und anschliessend zusammenflicken lassen, wochenlang im Krankenhaus bleiben, die Wunde den tropischen Bakterien und Viren aussetzen, die nur darauf warten, in einen ungeübten westlichen Körper hineinzuschlüpfen, um darin praktisch ungestört ihr Unwesen zu treiben und zum Schluss – falls ich das Bisherige überlebt habe – das Kamikaze-Himmelfahrtskommado zurück nach Guiuan durchleiden. Nein! Und nochmals nein!!

Zum Glück gibt es hier auf den Philippinen die Manghi Hilot. Von Risa gefunden kam am nächsten Morgen eine winzige ältere Dame vorbei, streichelte den Bruch zehn Minuten, rieb die Stelle mit einem sehr gut riechenden Kräuteröl ein und schwupps! war der Knochen wieder wie vor dem Bruch. Schon genial, wie sie das machen.  Dazu musste ich noch nicht einmal aus dem Bett steigen. Und gekostet hat mich das 1,60 Euro – in Worten: ein Euro sechzig. Am selben Tag kamen auch noch Risas Verwandte vom Land, die etwa 15 grosse Blätter aus dem Dschungel mitbrachten. Auf den Bruch gelegt sollen sie die Heilung begünstigen. Alleine der köstliche Geruch  reicht, dass ich darauf achte, sie ständig auf der Brust zu haben.

Und jetzt liege ich im Bett und lasse mich pflegen von der weltbesten Ehefrau und Krankenschwester Risa. Böse Zungen behaupten, ich würde mir die Knochen nur so oft brechen, um in diesen Genuss zu kommen. Stimmt aber nicht, weil ich während ich mit gebrochenen Gliedern so im Bett liege, die übrigen Vorzüge von Risa allenfalls mit Schmerzen geniessen kann.

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Responses

  1. Ach mein Lieber, das tut mir Leid und ich wünsche dir aus der Ferne „Gute Besserung“!!!
    Der Link ist wirklich interessant. Vielleicht sollte ich da auch mal hinfahren 🙂 Vielleicht könnte die mir auch bei meinem elendigen Rheuma helfen.
    So nun noch einen ganz lieben Gruß an die BESTE EHEFRAU VON ALLEN.

  2. ja, so eine hilot-behandlung ist sehr zu empfehlen, allerdings habe ich sie bei mir nur bei meinen knochenbrüchen machen lassen. sie soll aber allgemein auch sehr gut sein. was rheuma angeht – meine rheuma- und arthroseschmerzen in Deutschland waren durchaus mit zahnschmerzen vergleichbar. im gegensatz zu den letzten habe ich meine aber ständig gehabt. seitdem ich hier bin sind sie völlig verschwunden. im alter gibt’s nichts besseres als warme länder.

  3. Schön gemachter Blog, gute, interessante Texte. Komme sicherlich mal gerne vorbei.
    Viele Grüße aus D. 🙂

  4. Hallo Willanders,
    Meine Frau (Pinay) und ich (Deutscher) kommen im August nach Leyte. Wir wollen für immer in den Phils bleiben. Wo genau, ist noch nicht ausgemacht.
    Meine Frau fragt, was das für Blätter waren, die die Verwandten von Deiner Frau mitgebracht haben. Wir interessieren uns sehr für natürliche Medizin und Heilbehandlung. Hast Du übrigens noch Probleme mit der Verletzung?
    Ansonsten: Tolle Seite, schöne Geschichten und Fotos. Kompliment!

  5. Herzlich willkommen! die blätter heissen…. muss mal eben bei meiner frau nachfragen… LAKDAHN. aber vllt schreib ich das falsch.

    der bruch ist immer noch nicht ausgeheilt, aber bis zur meiner reise nach Deutschland im juni hoffe ich auf heilung.

    und du willst hier leben? gute entscheidung! hier kann man’s gut aushalten.

  6. Hallo willanders,
    Meine Frau meint, dass man das ohne „h“ schreibt. Sie kennt die Pflanze gut. In ihrer Kindheit hat die Mutter den Saft extrahiert. Mit calamansi hilft das bei Husten. Die Blätter werden erwärmt auch aufgelegt bei Athritis oder Rheuma.
    Scheint nicht so bekannt zu sein die Pflanze, denn über Google findet man z.B. gar nichts.
    Wir planen, ein Häuschen zu mieten, vielleicht in Palo. Ist weit genug weg von Verwandtschaft und nahe bei Tacloban. Bestimmt kann man sich mal treffen. Dieses neue Shopping Center Robinson ist ja nicht weit weg.
    Gute Heilung weiterhin!

    • hallo Klaus,

      danke für die genesungswünsche. Palo – warst du schon mal da? wo wohnt die verwandtschaft? das mit dem abstand zur familie ist schon richtig, die können noch so nett sein, aber die blosse zahl…! ich hab hier in Guiuan die ideale entfernung gefunden. Risa kann hin wie oft sie will, aber 3 stunden fahrt auf den strassen hier sind abschreckung genug. sie fährt so im schnitt einmal im monat hin, vor allem wenn ich visaverlängerung brauch. die familie besucht uns auch öfter, aber eben nicht duzendweise täglich. zur zeit sind ihre beiden schwestern und eine kleine nichte hier seit einem monat. und das ist ganz nett.
      ich selber war das letzte mal in Tacloban im august letzten jahres. mich zieht da gar nix hin. nicht mal die Robinson Mall, ich bin nicht so’n fan von shopping malls, ich spring lieber auf mein bike und tiger im dschungel am Pazifik herum. oder gehe schwimmen im Ozean, oder besuche die leute in den dörfern entlang der küste. mich macht Tacloban krank. danach brauch ich tage um mich zu erholen.


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