Verfasst von: willanders | 7. April 2010

Als die Sonne nach Burak kam

Angestossen durch diesen Artikel auf achgut.de fiel mir eine Geschichte ein – die Kurzversion dieses Beitrags steht dort als Leserbrief.

Bis vor drei Jahren hatten die Dörfer entlang der Küste in Eastern Samar keinen Stromanschluss. Die Leute dort standen seit Menschengedenken mit der Sonne auf, gingen mit der Sonne schlafen. Tag für Tag, jahrein, jahraus. Geschichten von kleinen Kugeln, die in der Dunkelheit leuchten, oder von weissen Kästen, in deren Innern so kalt war, dass man darin den Fischfang einen oder gar zwei Tage frisch halten konnte; oder Beschreibungen von Kisten aus denen bewegte Bilder und Stimmen kamen, oder gar Musik zu hören war – solche Geschichten brachten die Leute mit zurück, wenn sie in die nächste Großstadt, nach Guiuan reisten. Das kam aber nicht so oft vor. Der Weg dorthin über Stock und Stein mitten durch den Dschungel war selbst in der Trockenzeit des Jahres beschwerlich, und die Wegelagerer brachten die Reisenden ein ums andere Mal um ihr gesamtes Hab und Gut.

Die Nachricht von dem Land ohne Strom hat sich bis nach Australien herumgesprochen. Dieser Not musste ein Ende bereitet werden. Also kam eines sonnigen Tages eine australische Ökotruppe nach Burak, San Roque und nach Matarinao und wollte den armen Filipinos was Gutes tun. Die Wohltäter aus der weiten Welt stellten riesige Solarpanele auf die haushohen Wassertanks und auf andere Gebäude drauf. Sie brachten allerlei modernes, exotisches Zeug wie elektrische Wasserpumpen und Lampen mit. Sie schlossen die Lampen an und diese leuchteten! Wie durch Zauberhand floss aus den neuen Pumpen Wasser, ohne dass man einen Hebel rauf und runter mühsam bewegen musste, Alles klappte auf Knopfdruck. Die Fremden machten hübsche Fotos für die heimische Webseite oder für die Lokalzeitung – und verschwanden.

Als erste Grossinvestition in der Dorfgeschichte wurde eine gewaltige Karaokeanlage angeschafft. Jetzt machte das Tubatrinken auch noch lange in die Nacht hinein Spass. Dann und wann gab es Verletzte, wenn nicht auf Anhieb klar war, wer nun als nächster  I did it my way oder It’s my life den bereits schlafenden Nachbarn und Verwandten mitteilen durfte. Häufig hatte die Sonne ihren Zenit bereits überschritten als die letzten aus ihren Nippahütten krochen. Im Grossen und Ganzen aber waren sich alle einig, dass der elektrische Strom was gutes ist. Zumal er nichts kostet.

In ihrem Glücksgefühl, der Dritten Welt soviel Gutes getan zu haben, vergassen die Wohltäter allerdings, den Einheimischen die Wartung der Anlagen zu erklären. Und so kam es wie es kommen musste: Die Anlagen gaben bei der extrem feuchten und salzhaltigen Meeresluft, bei den heissen Temperaturen und den Taifunen nach kurzer Zeit den Geist auf. Die nun nutzlosen elektrischen Wasserpumpen wurden von den Leuten verhökert, und sie kehrten zurück zu ihren alten zuverlässigen Handpumpen. Sie standen wieder mit der Sonne auf und gingen schlafen wenn sie schlafen ging. Die gute alte  Zeit war zurückgekehrt.

Nur die hässlich in den azurblauen Himmel ragenden, und ohne die Aussicht jemals wieder repariert zu werden, nutzlosen Solarpanele erinnern an die Helden aus dem Westen, die den armen Wilden ein Stück moderne Zivilisation mit- und beigebracht haben.

Vor drei Jahren legte die Esamelco eine reguläre Stromleitung bis nach Matarinao. Das ist aber eine andere Geschichte.

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Responses

  1. Und ich denke, JETZT geht es den Menschen wieder besser und sie kehren in die Ruhe des Alltages zurück 🙂
    Ja es ist schon was, wenn ein vom Wohlstand genährtes Menschenkind so etwas schreibt. Aber ich denke der Wohlstand macht uns alle über kurz oder lang kaputt.
    Und ich denke mach mal, dass die Menschen, die so einfach leben, wirklich besser dran sind 🙂


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